Ich bin gerade von drei Tagen „Golden Circle“ zurück.: Whitehorse – Haines Junction – Haines – Skagway – Whitehorse. Der Mietwagen ist wieder abgegeben und um 500km reicher auf dem Tacho. Den ersten Teil bis Haines Junction und weiter auf dem Haines Highway kannte ich schon von unserer Dezadeash Tour. Nach den Million Dollar Falls führt der Haines Highway weiter entlang des Kluane Nationalparks in Richtung Westen und schlängelt sich westlich an den St Elias Bergen vorbei. Die Landschaft nimmt alpinen Charakter an. Dazu passt das Wetter; es wird zunehmend kühler, bedeckt und regnerisch. In den nächsten Tagen höre ich immer wieder Bemerkungen wie „worst summer since years“ und auch Sprüche wie „it’s just like winter but without snow“. Ganz so schlimm ist es denn doch nicht, wobei die Temperaturen meist deutlich unter 20 Grad liegen und der ein oder andere Regenschauer die Motivation nach „Aufenthalt im Freien“ beeinträchtigt ;-).
Unterwegs sehe ich einen den prächtigen Grizzly, der die Wiese neben dem Highway abweidet. Ansonsten ist „Wildlife“ relativ spärlich gesät. Nach passieren der kanadisch/amerikanischen Grenze mit den üblichen Formalitäten geht es hinunter in das Tal des Chilkat River. Beeindruckend wie weit der Fluss das Tal ausgeschliffen hat und welch mächtiges Flussbett da vor einem liegt. Die Alaska Chilkat Bald Eagle Preserve schließt sich an. Ein Schutzgebiet, das quasi Weißkopfseeadler Garantie verspricht – allerdings nicht heute. Bei einem der Pull-Outs begrüßt mich ein „Oldtimer“ freundlich und heißt mich willkommen. Er macht mich auf die guten „Spots“, von denen aus man die Alder beobachten kann aufmerksam; schließt aber mit der Bemerkung, dass die wohl heute alle beim Abendessen irgendwo anders seien, denn er hätte auch noch keine gesehen. Halb so schlimm, denn ich habe in den letzten Wochen die majestätischen Vögel aus nächster Nähe erleben dürfen und kann deren momentane Abwesenheit gut verkraften.
Kurz danach entdecke ich ein „Fishwheel“ (mile 9), das vom „State Departement of Fish and Game“ betreut wird. Wissenschaftler verwenden die traditionelle Fangmethode, um Lachse zu markieren und zu vermessen, bevor diese ihre Reise weiter flussauf antreten.
Nach kurzer Zeit erreicht man Haines, ein malerischer Küstenort am Lynn Canal gelegen. Es geht hier deutlich ruhiger zu, als in Skagway. Kein Wunder – während in Skagway zwei bis drei Kreuzfahrtschiffe pro Tag anlegen ist es in Haines etwa eines pro Woche. Trotzdem hat Haines einiges zu bieten. Die Fahrt zum Chilkat Lake eröffnet eine gute Gelegenheit Bären beim Lachsfischen zu beobachten – und falls man, wie in meinem Falle Pech hat, ist der See alleine den Ausflug wert. Der State Campground direkt am See gelegen ist wirklich wunderschön. Hier sollte man allerdings wirklich alle Regeln der Bärenprävention befolgen. Ich habe mich diesmal für das Summer Inn B&B Downtown Haines entschieden habe. Das eröffnet mir die Gelegenheit am Abend, nach dem Genuss von Lachs und Heilbutt, den historischen Fort William Seward District zu erlaufen. Ein leicht morbider Charme liegt über dem „Viertel“, das man in weniger als einer Stunde umlaufen hat. Wer hier typisch „deutsche“ gepflegte Vorstadtidylle sucht ist sicherlich fehl am Platz. Einige der Häuser zeigen deutliche Verfallerscheinungen und auch sonst ist die Motivation sein Häusle hreaus zu putzen hier deutlich weniger ausgeprägt, als man das in Europa sonst sieht. Vieleicht macht es aber auch viel mehr Sinn die Zeit in der freien Natur zu verbringen, die einem hier noch so unverfälscht und ursprünglich begegnet, wie sonst nur in Nordskandinavien …
Der nächste Tag bringt ein Wiedersehen mit Skagway, das vor zwei Jahren Ausgangspunkt meiner Tour war. Mit der Alaska Marine Highway System Fähre geht es in das Taya Inlet Richtung Norden. Auf dem Vorderdeck stehend, komme ich mit einem älteren Pärchen aus „North Pole“ (in den Nähe von Fairbanks) ins Gespräch. Mike hat vor über 30 Jahren beim Straßenbau von Skagway nach Whitehorse geholfen und will die „Stadt“ nun wieder sehen. Seiner Beschreibung nach hat sich da in der Zwischenzeit allerdings einiges getan ☺. Im Vistor Center in Skagway, dem charakteristischen Gebäude der ehemaligen „Artic Brotherhood“ steht zu lesen, dass jährlich 900.000 Touristen das etwa 1000 Seelen Städtchen überfallen. Im Jahr 2000 war Skagway der meist besuchte Ort aller Kreuzfahrschifflinien. Dem und der Tatsache gedenk, dass ich zwei Jahre zuvor ausgiebig dem Phänomen der Touristen-Tide frönte, mache ich mich gleich nach Ankunft auf die Suche der Überreste von Dyea.
Die ehemalige Konkurrentin von Skagway ist schon seit über 100 Jahren von der Bildfläche verschwunden. 1898 hatte Dyea etwa 8000 Einwohner und war der Zielhafen und Ausgangspunkt über den Chilkoot Pass. Mit der Inbetriebnahme der White Pass und Yukon Railroad änderte sich das schlagartig. 1903 lebten noch sechs Menschen in der Stadt, die vormals 48 Hotels, 47 Restaurants und 37 Saloons beheimatet hatte. Heute findet man noch eine „falsche“ Häuserfront, ein paar kümmerliche Pfähle der Landungsstege und den Friedhof der Opfer des großen Lawinenunglücks vom Palmsonntag 1898 am Chilkoot Paß. Der Taiya River hat sich das einstige Siedlungsland über die letzten hundert Jahre zurückgeholt ☺.
Für den folgenden Tag war eigentlich eine Stop-and-Go Fotosafari entlang des Klondike Highway nach Whitehorse geplant. Leider kam zum Regen auch noch Nebel, so dass die ansonsten landschaftlich hervorragende Fahrt nur durch einen milchigen Schleier zu sehen war. Nur kurz vor Carcross hatte ich einigermaßen gute Sicht, so dass ich Bove Island im Tagish Lake ausfindig machen konnte. Vor zwei Jahren war das der zweite Übernachtungsplatz auf der Tour in Richtung Beringsee. Ich kann mich noch gut erinnern, wie mein erster Versuch in Richtung Südspitze der Insel am heftigen Wind und Wellengang scheiterte und ich im zweiten Anlauf das Nordende der Insel ansteuerte. Am folgenden Tag war ich bereits um fünf Uhr morgens im Boot um „Windy Arm“ möglichst komplikationsfrei zu passieren. Zwei Tage später traf ich das erste mal auf Len und Erin. Doch das ist eine gänzlich andere Geschichte ….