Am Vorabend hatte ich mir den rechten Fuß kräftig vertreten aber zum Glück machen wir uns heute mit dem Kajak auf den Weg. Um fünf Uhr morgens schälen wir uns aus den Schlafsäcken, das wird für die nächsten drei Tage der Standard werden. Das erste Packen dauert, wie üblich etwas länger, doch um 7h morgens sind wir auf dem Wasser. Trotz der frühen Stunde haben wir schon kräftigen Wind und einige Wellen.

Wir queren den Lake Dezadeash bei nicht einfachen aber gut beherrschbaren Bedingungen. Später erzählt mir Erin, dass sie bei einer Solotour die doppelt so lange Route am Ufer entlang genommen hätte. Ich hätte in dieser Lage wahrscheinlich ähnlich entschieden, aber zu zweit ist Hilfe möglich und nach einer halben Stunde sind wir mit den Bedingungen vertraut. Drei Stunden See und wir sind am Dezadeash. Der geht schon nach ein paar Kilometern in den Six Mile Lake über, bevor es dann in einem, für kanadischen Verhältnisse, eher schmalen Fluss weiter geht.

Bis dahin sind wir, wie vorher versprochen, mit viel Wildlife versehen worden. Unzählige Weisskopf-Seeadler, Biber und Singvögel zeigen sich uns entlang des Flusses. Nur noch übertroffen durch die Anzahl von Moskitos, die sich bei einer der Pausen über uns hermachen.  Zumindest hat man auf dem Fluss seine Ruhe vor den Blutsaugern. Erin kommentiert das trocken mit der hier “vorgeschriebenen Abgabe an die Blutbank für kleiner Plagegeister”.  Das Wetter bleibt wechselhaft, doch das tut dem Erlebnis keinen Abbruch. Wir kommen unserem Tagesziel in die Nähe von Champagne zu kommen Paddelschlag für Paddelschlag näher. Das Camp für die heutige Nacht bietet einen fantastischen Ausblick, doch leider hat die Dichte an Moskitos per Kubikmeter auf gefühlte Tausend(e) zugenommen. Da bewährt sich das Bug-Shirt, dass ich schon vor zwei Jahren dabei hatte.

Der zweite Tag beginnt bereits um sechs Uhr auf dem Wasser. Und das sollte sich wirklich lohnen. Wir sehen ein halbes Dutzend Eulen – Biber, die immer wieder dem Schwanz klatschend abtauchen und einen Seeadler, der keine zehn Meter von uns entfernt seine Schwingen über uns erhebt. Wer das in dieser Ruhe und Abgeschiedenheit erleben darf, weiß weshalb er die Mühe und Plagegeister auf sich nimmt.

MooseNoch spannender aber sind unsere beiden Begegnungen mit zwei Elchkühen und ihren Jungen. Meistens bringen die Elchkühe nur ein Kalb zur Welt, dich wir haben das Glück gleich auf zwei Zwillinge  zu treffen. Die erste Begegnung geht noch einigermaßen normal ab. Die Elchkuh beäugt uns misstrauisch bevor sie durch die Büsche bricht. Ein Junges folgt auf dem Huf, aber Nummer zwei überlegt etwas zu lange und verliert den Anschluss. Obwohl wir in den Kajaks nur treiben flieht das Junge panisch ein paar Meter flussab bevor es in Richtung Land abbiegt. Noch ein paar Minuten hören wir die Rufe der Elchkuh und die Antwort des Jungen.

Die zweite Begegnung verläuft zu Beginn ähnlich. Diesmal allerdings liegt eine  Strecke von dreißig Metern zwischen Erin und mir. Sie paddelt um eine Ecke und ruft mir noch zu, dass ich den Foto richten soll. Als ich freien Blick habe sehe ich die Elchkuh, wie sie Erin misstrauisch mit dem mächtigen Kopf folgend ein paar Schritte auf sie zu macht. Meine Kamera habe ich längst weggelegt – ich rechne jeden Moment damit, dass sie einen Angriff auf Erin startet. Doch das bleibt zum Glück aus. Blitzartig macht sie kehrt und bricht ins Unterholz. Vermutlich hat sie das Erscheinen des zweiten Kajaks dann doch die defensive Variante wählen lassen, zumal sie an der linken Flanke heftig blutete und wahrscheinlich eine Bärenbegegnung vor nicht allzu langer Zeit hatte.

Als Erin und ich wieder nebeneinander paddeln sind wir uns einig, dass das knapp war. Als Entschädigung werden wir im weiteren Verlauf der Tour auch noch ein paar angenehme Überraschungen präsentiert bekommen… ( Fortsetzung folgt)